Die von mir sehr geschätzte philosophische Zeitschrift „Integrale Perspektiven“ bat mich eine Position zu meiner künstlerischen Arbeit zu schreiben.

Ich habe dafür eine Gegenüberstellung meiner aktuellen Tape Malerei und der zeichnerischen Serie „Where is my Code?“ gewählt.

Malerei als EntTäuschung

Immer diese Enttäuschung!
Die Enttäuschung in den Gesichtern der Menschen, wenn sie vor meinen Bildern stehen, so wie vor einigen Wochen, als ich mit einem Besucher meiner Ausstellung vor dem Bild „Erfassung I“ stand:

„Ich kann gar nichts erkennen!“

„Vielleicht … wenn ich mir Mühe gebe … ah doch …. hier! Einen Baum … oder hm … nein .. ein Einkaufszentrum! Ja! Es ist ein Einkaufszentrum! Hab ich recht? Sie wollten ein Einkaufszentrum malen…?“

Ich denke an den Tag, an dem ich zum ersten mal eine FLÄCHE wahrnahm – einen multi-perspektivischen und dennoch flächigen Bildraum, anstelle einer auf 2 Dimensionen beschränkten Ober-Fläche.

Seither treibt mich der Wunsch an, diesen Bildraum so eindeutig und stimmig zu gestalten, dass er sich für den Betrachter ebenso selbstverständlich erschließt, wie beispielsweise der Anblick eines Stuhls oder eines Tisches – und ich meine tatsächlich den Anblick des Objektes Stuhl oder Tisch, nicht den Anblick des Abbildes des Objektes.

Malerei als EntTäuschung

Während meines Malerei Studiums wurde mir deutlich, dass der künstlerische Prozess zu einer Art Spiegel werden kann, womit ein Dialog zwischen äußerer Gestaltung und innerer Selbst-Gestaltung für mich begann:

Die innere Intention – die gestaltende Bewegung – Reflexion des Gestalteten – Abgleich mit der Intention und zugleich fließende Korrektur des Beabsichtigten anhand des Verwirklichten – erweiternde Verwandlung der Absicht – und wiederum Eintauchen in das Loslassen innerhalb der physischen Ergreifung – Mitfließen bis zum nächsten zurücktretenden Auftauchen – das Gestaltete anerkennen als das Abbild der aktuellen Fähigkeit zur Verwandlung der inneren Intention.

In meiner aktuellen Ausstellung „Codes und Tapes“ in der Galerie „Der Kunstbetrieb“ in Dortmund greife ich dieses Werden des Flächigen auf und stelle diese in ein Gegenüber: malerisch-gefühlt und graphisch-konzeptuell.
Beide Bereiche arbeiten mit der Verwandlung der Oberfläche zur Fläche und der Selbst-Referentialität des Bildes.

Mit Tapes (Klebebändern) – mittels derer ich zu Beginn des Prozesses die Bildfläche grundlegend gliedere, schaffe ich einen Ankerpunkt, zu welchem ich innerhalb des Prozesses immer wieder zurückkehren kann, um die Stimmigkeit zu überprüfen.
Im weiteren Verlauf arbeite ich mit der geklebten Grundstruktur – mal, indem ich sie aufbaue und vertiefe, mal indem ich sie bewusst auflöse.

 

Bild Entwicklung „Irish Lake“, Tapes und Mischtechnik

IrishLake1 - Stufe 1 - Brigite Felician Siebrecht
IrishLake1 - Stufe 2 - Brigite Felician Siebrecht
IrishLake1 - Stufe 3 - Brigite Felician Siebrecht
IrishLake1 - Stufe 4 - Brigite Felician Siebrecht

„Irish Lake“ / Tape Malerei Brigitte Felician Siebrecht

Bild: "Irish Lake" von Brigite Felician SIebrecht

„Das TAO der Selbstauflösung – akzeptiere alle Widersprüche in dir“ / Tape Malerei Brigitte Felician Siebrecht

Im malerischen Prozess löse ich mich auf diese Weise spielerisch von einer spontan sich aufdrängenden Bewertung:

gut oder schlecht?

Ich stelle die Bewertungen zur Seite, zugunsten der Frage nach der Funktion innerhalb des Gesamten.
Bedeutung wird erst erkennbar im Zurücktreten, während das Detail nur in der gefühlten, nicht reflektierten physischen Einheit stimmig gestaltet werden kann.

Eine qualitative Modulation entsteht an den jeweiligen Übergängen, in einem kontinuierlichen ineinander Schwingen der ‚Pole‘ zwischen Nähe und Ferne, Funktion und Bedeutung, Ruhe und Bewegung, Einzelnem und Gesamtheit, Struktur und Bedeutsamkeit, Hell und Dunkel, Hingabe und Reflexion usw.

Die Malerei bewegt sich also optimalerweise in einer Art Pendel Bewegung, die sich mir auch als Analogie zum Biographischen Gestalten darstellt.


Dem gegenüber stelle ich die grafische, konzeptuelle Serie „Where is my Code?“, die sich mit dem Spiel zwischen analogen und digitalen Medien beschäftigen.
Gezeigt werden Menschen in einer Haltung, als schauten sie in einen (imaginären) Spiegel.

Where is my Code / Brigitte Felician Siebrecht

where is my code -stufe 1 - brigitte felician siebrecht
where is my code -stufe 2 - brigitte felician siebrecht
where is my code -stufe 3 - brigitte felician siebrecht
where is my code -stufe 4 - brigitte felician siebrecht

1-
Ich beginne mit musterartigen, kleinteiligen Krakeleien, die das Gesamtbild zunächst in einer Art Chaos anlegen.

2-
Zusammenfassung mittels einfacher gesetzter Flächen.

3-
Bildung grafisch-linearer, übergreifender Bezüge.

4-
Im nun folgenden Schritt fotografiere ich das entstandene Bild und exzerpiere dessen digitalen Code – quasi die „DNA des Bildes“ – mithilfe des Computers.
Fragmente des digitalen Textcodes verwende ich nun wiederum als gestalterisches Element – es entsteht eine Art rekursive Schleife und ein Hin und Her zwischen Funktion und bildhafter Bedeutung.
Das Bild enthält sich selbst, während sich der Ausgangspunkt umstülpt und damit zum gestalterischen Element wird.

Auch hier deuten sich Analogien zum biographischen Erleben und der psychologischen Selbstreflexion an.

Bewusst gestaltete Aufmerksamkeit – auf die eigene Entwicklung gelenkt – wird zum Gestaltungswerkzeug für die eigene Persönlichkeit.
Der Dualismus: Unbewusst / Bewusst löst sich auf zugunsten einer transparenten und immer komplexer werdenden Charakteristik.

Dem gegenüber arbeitet der malerische Prozess über das Empfinden, über ein intuitives und physisches Erspüren der Stimmigkeit.

*

Man verliert sich quasi in der Hingabe an das Detail, um wieder zu erwachen in die ordnenden Tätigkeit der Erfassung des Gesamtzusammenhangs.

Die Malerei hilft, die Illusion über das eigene Selbst schrittweise zu demontieren und ist damit für mich eine liebevolle und kreative Art der Selbst Ent-Täuschung…
Denn jede Unzulänglichkeit ist zugleich Ausgangspunkt für eine neu ausgerichtete absichtliche Verwandlung.

Wir stehen noch eine Weile versunken in die Betrachtung des Bildes „Erfassung III“ und zum Schluss darf ich meine Visitenkarte weiterreichen …
Ich bin froh, dass ich das Einkaufszentrum bis heute nirgends erkennen kann im Bild.

Erfassung I

Bild "Erfassung 1" von Brigitte Felician Siebrecht
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bfs